BEETHOVENFEST BONN "An diesem unglückseligen 3. Mai des Jahres 1943"
Veranstaltungsdatum: 11.08.2008

Oder: vom tödlichen Risiko, Beethoven zu spielen

Annette Kristina Banse und Hans Christian Schmidt-Banse
Keiko Hattori, Klavier


An diesem unglückseligen 3. Mai des Jahres 1943 soll der 27-jährige Pianist Karlrobert Kreiten ein Klavier-Recital im Großen Universitätssaal zu Heidelberg spielen vor lange ausverkauftem Haus. Das Konzert findet nicht statt, das Publikum wird mit einem Zettel an der Eingangstür „Kreiten-Konzert fällt aus“ nach Hause geschickt; die Gestapo hatte ihn morgens um acht verhaftet.

An diesem glückseligen 3. Mai des Jahres 1943 wird die 61-jährige Pianistin Elly Ney ohne Zweifel in irgendeiner Stadt einen Klavierabend gegeben haben, sagen wir in Lübeck oder in Magdeburg. Ihre Konzerte fielen nicht aus, sie sonnte sich in der Gunst einer nationalsozialistischen Kulturpolitik. Allerdings fallen ihre Konzerte später aus, nach 1945, als Elly Ney Schwierigkeiten bekommt, ihre offenkundige Sympathie für das „Dritte Reich“ und ihren offenkundigen Antisemitismus zu rechtfertigen.

Elly Ney kam dann wieder zu künstlerischen Ehren, ihre erworbenen Meriten sollte man nicht kleinreden. Karlrobert Kreiten hingegen wurde in der Nacht von 7. auf den 8. September 1943 gehenkt.

Die eine – Elly Ney – verstand sich als politisch engagierte Künstlerin. Der andere – Karlrobert Kreiten – zahlte den Preis für einen (vielleicht harmlosen, wenn nicht gar naiven) geistigen Widerstand; nicht mehr hatte er verbrochen, als den Feindsender BBC zu hören und der Nachbarin davon zu erzählen. Wahrscheinlich war er gar kein politischer Mensch, eher eine leichtsinnige Künstlernatur.

Wie auch immer ... in diesem Concerto recitativo (Soloklavier + Sprecher-Duo) werden Elly Ney und Karlrobert Kreiten geführt nach den strengen Regeln von ‚punctus contra punctum’ – zwei Pianisten, deren Verhalten in dieser Epoche extrem kontradiktorisch war. Sie mögen als exemplarische, d.h. polare Muster gelten dafür, wie man sich stellte bzw. sich ver=stellte. Am Rande vermerkt: daß ein Journalist namens Werner Höfer spät, zu spät über den Fall Kreiten stolperte, sollte nicht mehr als eine Fußnote sein; der Konzertsaal ist kein Ort diskursiver Vergangenheitsbewältigung.

Ney und Kreiten gemeinsam war die Liebe zur Musik, vor allem zur Musik Beethovens ... und sie stammen beide aus Bonn, zufällig.


Palais Schaumburg
Bonn
© Annette Kristina Banse, Prof. Dr. Hans Christian Schmidt-Banse